“10H-Aktionismus” für intelligentes Stromnetz? – Leserbrief von Martin Selch

In seiner Außenansicht sprach Herr Zizler als Experte für Energiemanagementsysteme “Probleme der Energiewende” an. So sei Strom aus Wind und Sonne mit zehn Cent und mehr Gestehungskosten deutlich teurer als der aus konventionellen Kraftwerken, welcher angeblich bei fünf Cent liegen würde, so Zizler.

Es stellt sich nun die Frage, ob “konventioneller” Strom (aus Kohle und Atom) tatsächlich so billig ist, wie uns die großen Stromkonzerne jahrelang vorgaukeln wollten und was Herr Zizler jetzt wiederholt. Kohlekraftwerke sind nachweislich für den weiterhin zunehmenden CO-Ausstoß verantwortlich, welcher als Ursache des Klimawandels mittlerweile unumstritten ist! Durch Extremwetterlagen (Stürme, Hochwasser, Trockenheit) entstehen jährlich Milliardenschäden. Nach Auskunft der Münchner Rückversicherung haben sich die dort bearbeiteten Schäden in den letzten 40 Jahren verdreifacht!

Und die Atomenergie? Aktuellen Medienberichten zufolge müssen jetzt schon, innerhalb kürzester Zeit, in Zwischenlagern durchgerostete Atommüllfässer umgefüllt werden, bevor sie überhaupt irgendwann ein Endlager sehen. Andere, die in sicher geglaubten Salzstöcken “absaufen”, müssen ebenfalls schon nach wenigen Jahren mit extrem hohen Kosten zurückgeholt werden. Würde man, neben einer – für alle in Frage kommenden Schäden abzuschließende – Haftpflichtversicherung für Atomkraftwerke all diese zusätzlichen Kosten sowie die, die in den nächsten Tausenden von Jahren noch auf die Steuerzahler zukommen (inklusive der oben beschriebenen Umweltschäden) nachträglich auf den ach so günstigen, konventionellen Strompreis umlegen, läge dieser wohl bei 30 oder 40 Cent/kWh und damit deutlich über den Kosten für Wind- und Sonnenstrom! In einem weiteren Punkt hatte sich Herr Zizler – alternativ zu acht großen bayerischen Gaskraftwerken – für die Stromtrassen ausgesprochen und diese für erforderlich erachtet. Als Kreisvorsitzender im CSU-Arbeitskreis Umwelt Regensburg Land mit Schwerpunkt Erneuerbare Energien hat er mit dieser Äußerung seinem Parteichef Seehofer und Wirtschaftsministerin Aigner, die diese Trassen ja scheinbar stoppen wollen, eine schallende Ohrfeige gegeben!

Im Übrigen fragt man sich, warum – alternativ zu diesen Stromtrassen – technisch machbare Lösungen wie “Lastverschiebungen” oder das “Smart Grid” (intelligentes Stromnetz), mit dem Teile des Energieverbrauchs ganz einfach den Produktionszeiten alternativ erzeugten Stroms angepasst werden könnten, seitens der mittlerweile jahrzehntelang amtierenden CSU-Regierung nicht vorangetrieben werden?

Viele Stromkunden wären mit Sicherheit bereit, vom bisher üblichen “Nachtstrom aus dem Atomzeitalter” auf tagsüber anfallenden, teilweise überschüssigen (und daher dann auch billigen) Sonnenstrom umzusteigen! Das würde tagsüber bei Sonnenstrom- Überproduktion nicht nur das Stromnetz, sondern auf Dauer auch die Haushaltskassen der Stromkunden entlasten. Mit ihrer absoluten Mehrheit haben Herr Seehofer und die CSU im Landtag erst vor kurzem ein von zahlreichen Experten als für einen zügigen Ausbau der Windkraft überflüssig, schädlich und kontraproduktiv bezeichnetes Gesetz (10H-Regelung) vehement durchgeboxt! Man darf gespannt sein, ob die für den weiteren Ausbau dezentral erzeugter erneuerbarer Energien dringend erforderliche Einführung dieses “intelligenten Stromnetzes” seitens der Staatsregierung mit einem ähnlichen “10H-Aktionismus” angegangen wird?

Martin Selch, Parsberg-Herrnried

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